Über die Lüge

Text, Computerausdruck


Michael Nesbeda

Michael Nesbeda
Zurück zur Lügen-Uebersicht
LÜGEN
Die Wahrheit, oder genauer, der Alltag als Ort der Wahrheit, ist uns ein Bedürfnis. Bedürfnis der Sicherheit und des Vertrauens, die wir benötigen, um miteinander umgehen zu können. Die Wahrheit ist für uns ein hohes, kaum in Frage gestelltes Ideal, aber wohl auch eines, das am wenigsten real existent ist. Kaum etwas ist so relativ wie die Wahrheit, kommt es doch in vielen Fällen allein auf den Blickwinkelan. Wahr und unwahr sind oft die beiden Seiten eines schmalen Grates. Unser Wahrheitsanspruch hat immer etwas Absolutes, damit ist – wohl seitdem Augustinus über die Lüge schrieb – alles andere, jenseits der Wahrheit, unwahr, gelogen und damit moralisch zumindestens zweifelhaft. Aber im Alltag ist die Unwahrheit, die ja auch aus Unkenntnis und Unwissenheit resultieren kann, dann doch nicht immer gleich verwerflich. Kommt allerdings ein Vorsatz hinzu – der Vorsatz zu täuschen, um ein Ziel zu erreichen – wird es schon ernster, dann wird aus
der Unwahrheit Lüge. Aber auch das muß nicht immer verwerflich sein, es wird auch gelogen, um andere zum Beispiel nicht zu verletzen, um Unheil abzuwenden, also in guter Absicht. Ob das richtig, moralisch einwandfrei ist, ist ein zweites Problem; aber verwerflich kann es eigentlich nicht sein. Vielleicht ist es eine Frage des Gewissens. Aber nun gibt es, wie jedermann weiß, sehr unterschiedliche Ausprägungen des Gewissens, außerdem läßt sich das Gewissen mit rationalen Begründungen schnell und gerne beeinflussen: Sachzwänge sind hier immer schnell und zuverlässig bei der Hand – die Unvermeidlichkeit, weil es
sowieso passiert, weil sich etwas nicht abwenden läßt oder weil es sonst jemand anderer macht. Ist das dann „nur“ der Gebrauch der Unwahrheit, oder ist das schon Lüge? Hängt es davon ab, ob jemand mit schlechtem Gewissen handelt oder ob er völlig gewissenlos und damit bedenkenlos ist, vielleicht sogar noch stolz ist auf das, was er da als Mittel zum Zweck vom Zaun bricht? Oft wird ja sogar einer, der seine Mitmenschen listenreich übers Ohr haut, bewundert, allerdings nur von denen, die nicht geschädigt wurden. Aber von denen, die einen Vorteil davon haben, um so mehr.
Also: Die Unwahrheit und ihre spezielle Form, die Lüge, ist Realität, ist Alltag. Unser von Widersprüchen geprägtes Leben produziert in eben diesen Widersprüchen Unwahrheiten, ob wir es gut heißen oder nicht. Und wenn wir diese Widersprüche benutzen, lügen wir. Ob wir wollen oder nicht.
Bitter wird es, wenn zu der Lüge, zum Belogensein die Häme hinzukommt, die Schadenfreude oder die Überheblichkeit. Wenn gelogen wird, weil jemand meint, die Macht zu haben, sich über gesellschaftliche Konventionen, über Verträge und Versprechen hinwegzusetzen und es das Opfer spüren läßt, die Sache vielleicht sogar öffentlich macht.
Politiker und ihre Wahlversprechen sind so ein Fall, und auch die Medien lassen oft das rechte Maß vermissen und verlieren den Kontakt zum Boden. Das ist besonders ärgerlich, weil sowohl die Politik als auch die Medienöffentlichkeit Bereiche sind, wo die Menschen Vorbilder oder wenigstens Informationen über ihre Vorbilder suchen – und dann das. Der hohe Anspruch, der immer wieder von Politikern und Medienleuten wie ein Schild hochgehalten wird, wird im Alltag der Sachzwänge und der wirtschaftlichen Notwendigkeiten von eben denselben Leuten im selben Moment bis zur völligen Unkenntlichkeit rundgeschliffen.
Was ist zu tun? Die Schweine zum Teufel jagen? Ein heikler Vorsatz, da wir, wie oben schon festgestellt, je nach Blickwinkel sehr schnell selbst dem Fürsten der Hölle unsere Aufwartung machen müßten – wer sollte das entscheiden? Das Verteilen von Heiligenscheinen wäre genauso unsinnig, da man, wie wir wissen, selbst in kirchlichen Kreisen oft nicht so recht mit dem Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit klar gekommen ist.
Etwas mehr Verantwortung, mehr Rücksicht, etwas mehr Ethik im Alltag wären allemal schon ein guter Ansatz. Etwas mehr abwägen, was gut ist und was nicht so gut und was schlecht. Und das Schlechte dann einfach nicht zu tun: Sozusagen die praktische Anwendung von Kants kategorischem Imperativ.
Im Alltag. Und da, wo gelogen wird, sagen, dass gelogen wird. Darüber reden – was überhaupt nicht einfach ist. Bliebe dann allerdings immer noch dasProblem mit den unterschiedlichenAusprägungen des Gewissens.Und das mit der öffentlichen Verantwortung, mit der Politik und der wirtschaftlichen Lage, und das mit der Bildung und den Medien. Aber auch das hat alles mit richtig und falsch, eben mit Ethik, zu tun.